Streit um Referentin Dr. Caroline Herr und Grenzwerte

Mobilfunk: In aufgeheizter Atmosphäre im Kurfürstensaal ist keine Annäherung von Gegnern und Befürwortern möglich

HEPPENHEIM. Buhrufe für Bürgermeister Gerhard Herbert (SPD) und demonstratives Klatschen für kritische Frager begleiteten am Donnerstagabend die Mobilfunkveranstaltung, zu dem der Magistrat der Stadt Heppenheim in den Kurfürstensaal eingeladen hatte. Umweltmedizinerin Dr. Caroline Herr hatte als einzige Referentin einen schweren Stand. Die Mobilfunkgegner, die gut die Hälfte der 80 Zuhörer ausmachten, werfen der stellvertretenden Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin an der Universität Gießen Befangenheit wegen von der Mobilfunkindustrie mitfinanzierten Studien vor und unterbrachen sie häufig. Zur Einstimmung verteilten Bürgerinitiativen im Foyer Zeitungsartikel.

Der Magistrat habe die Referentin wegen ihrer wissenschaftlichen Qualifikation ausgewählt, weil sie als Fachärztin mit der aktuellen Forschung vertraut sei, betonte Herbert. Es sei schwierig, Experten zu finden, die der geforderten Definition von Unabhängigkeit standhielten. Diese verträten dann entweder eine Außenseiterposition oder hätten noch nicht über das Gebiet publiziert, sagte der Bürgermeister. Er appellierte, lieber die Referentin zu befragen, statt am Modus der Veranstaltung „rumzukritteln“.

Die vorgeschlagenen Zweitreferenten seien alle keine Mediziner gewesen, führte Herbert aus. Man habe sich bewusst gegen eine Podiumsdiskussion entschieden, bei dem sich nur Experten die Bälle zuspielen. Stattdessen habe man einen kurzen Vortrag mit langer Diskussion geplant. Mitten in der Einleitung des Bürgermeisters klingelte dessen Handy und verdeutlichte so die Allgegenwärtigkeit der Technik.

Caroline Herr ging auf verschiedene Strahlungsarten ein: niederfrequente wie bei Hausstrom, hochfrequente wie bei Mobilfunk, Fernsehen, Rundfunk und Mikrowelle und ionisierende, radioaktive Strahlung. Eine von Jörg Michaelis (Mainz) geleitete Studie komme zu dem Ergebnis, dass niederfrequente Felder von Nachtspeicheröfen bei über 0,4 Mikrotesla Feldstärke erhöhtes Leukämierisiko bei Kindern bewirkten. Nach seiner Berechnung könnten drei bis vier von 620 kindlichen Leukämien in Deutschland auf solche Felder zurückgehen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stufe extrem niederfrequente Strahlen als möglicherweise krebserzeugend ein.

Die Umweltmedizinerin warnte davor, Korrelationen zwischen zwei Ereignissen mit ursächlichen Zusammenhängen zu verwechseln. Scheinkorrelationen gebe es auch zwischen der Zahl der Störche in einem Gebiet und der Zahl der Kinder pro Familie. Auf diesen Vergleich reagierte ein Teil der Gäste mit Missfallen.

Kernpunkt des Streits ist die Festlegung von Grenzwerten für Mobilfunkstrahlung in Deutschland, die bisher ausschließlich sogenannte thermische (Wärme-) Effekte der Strahlung berücksichtigt. Diese seien die einzigen, die im Labor nachzuvollziehen seien, sagte Herr. Mobilfunkgegner bezweifeln dies und verweisen auf Studien. Beim Telefonieren dürfe sich der Kopf nicht um mehr als 0,1 Grad erwärmen, so Herr. Dies ergebe Feldstärken von 61 Volt pro Meter bei UMTS, 58 im E-Netz und 42 im D-Netz.

Zu den diskutierten nichtthermischen Wirkungen der Mobilfunkstrahlung gehörten Auswirkungen auf Zentralnervensystem, Blutbild, die Entstehung von Krebs und Befindlichkeitsstörungen. Laut Herr soll die Energie der Strahlung aber zu gering sein, um Tumore auszulösen. Eine Förderung vorhandener Tumore werde diskutiert. Versuche mit Zellkulturen, die eine genschädigende Wirkung gezeigt hätten, seien nicht wiederholbar gewesen und deshalb „nicht valide“ (gültig).

Kritisch setzte sich die Medizinerin auch mit der Naila-Studie von Hausärzten in der oberfränkischen Stadt auseinander. Diese hatten fünf Jahre nach Aufstellung eines Mobilsenders eine Verdreifachung der Krebsfälle im 400-Meter-Radius im Vergleich zum Fernbereich festgestellt.

Im Vergleich zum saarländischen Krebsregister gebe es in dem Gebiet aber keine erhöhte Krebsrate, kritisierte Herr. Es seien zudem alle Krebsfälle erfasst worden, auch solche, die mit anderen Umweltfaktoren zusammenhingen.

„Sie sind nicht ganz objektiv“, warf ihr ein Mann vor, der dafür Beifall erhielt. „Das ist alles einseitig“, kritisierte eine Frau. Auf den einstündigen Vortrag folgten 1,5 Stunden Diskussion. Viele Zuhörer, von denen einige bis aus Wald-Michelbach kamen, zitierten weitere Studien und verwiesen auf die ihrer Ansicht nach vorbildliche Mobilfunkveranstaltung von acht Odenwald-Bürgermeistern im April 2006 in Mörlenbach.

Eine Annäherung war in der aufgeheizten Atmosphäre nicht möglich. „Es ist nicht gut, dass Frau Herr heute alleine dieser Stimmung ausgesetzt war“, bilanzierte die Grüne Stadtverordnete Rosemarie Sutholt.

Vortrag „Mobilfunk – ein Gesundheitsrisiko“, Bürgerinitiative Lorsch am 6. Februar (Dienstag) um 19.30 Uhr, Gasthaus „Stiftschänke“, Stiftstraße 7, Lorsch.

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Studien und Prozesse zum Thema Mobilfunkstrahlung

HEPPENHEIM. Die von Mobilfunkgegnern häufig zitierte Naila-Studie beruht auf Statistiken von Hausärzten im oberfränkischen Naila. Sie hatten von 1994 bis 2004, nachdem dort 1993 der erste Mobilfunksender installiert worden war, neu aufgetretene Krebsfälle dokumentiert. Es wurden im Nahbereich (Radius von 400 Metern um die Sendeanlage) 320 Personen erfasst, im Fernbereich 647 Personen.

Im Zeitraum 1994 bis 1998 traten im Nahbereich fünf, im Fernbereich acht Krebserkrankungen auf – ohne signifikante Unterschiede zwischen beiden Bereichen. Von 1999 bis 2004 – ab fünf Jahren nach Installation des Senders – traten im Nahbereich 13, im Fernbereich acht Neuerkrankungen auf. Die Wahrscheinlichkeit für eine Neuerkrankung lag im Nahbereich um das 3,38-fache höher als im Fernbereich. Die Autoren gaben an, dass die Patienten im Nahbereich durchschnittlich auch 8,5 Jahre jünger waren. Das Brustkrebsrisiko sei 3,5-fach erhöht; letzteres war statistisch nicht signifikant.

In der Bewertung der Studie lobte das Bundesamt für Strahlenschutz zwar die Wahl der Studienregion im ländlichen Raum mit wenigen Sendern und langjährigen Bewohnern. Bemängelt wurden methodische Schwächen. Beispielsweise seien Alter und Geschlecht der Patienten nicht statistisch ausgewertet worden. Ein Vergleich mit dem saarländischen Krebsregister zeige, dass im Fernbereich weniger Krebsfälle auftraten als zu erwarten. Deshalb sei das Risiko im Nahbereich eventuell überschätzt worden. Außerdem seien andere Risikofaktoren nicht erfasst worden.

Als bisher erste Patientin hat übrigens die Amerikanerin Sharesa Price 2005 einen Prozess gegen die Mobilfunkindustrie gewonnen. Bei der Frau, die täglich stundenlang Handys bei einem Telekommunikationsunternehmen programmiert hatte, wurde 1999 ein Hirntumor festgestellt. Nach mehrjährigem Rechtsstreit wurden ihr 30 000 Dollar Entschädigung zugesprochen.

mam
27.1.2007

//www.echo-online.de/kundenservice/a_detail.php3?id=428996

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Die Naila-Studie
//omega.twoday.net/stories/351483/

Die Naila-Mobilfunkstudie
//omega.twoday.net/stories/283426/

Die Naila-Studie (Präsentation)
//omega.twoday.net/stories/520963/



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//omega.twoday.net/search?q=Caroline+Herr
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